Matthias Strolz hat dieser Tage einen Satz ausgesprochen, der hängen bleibt: SPÖ und ÖVP würden „marodieren“, die NEOS leisteten „aktive Sterbebegleitung“. Unabhängig davon, ob man dieser Diagnose zustimmt, trifft sie einen Nerv. Denn sie verweist auf ein Gefühl, das in vielen demokratischen Gesellschaften spürbar geworden ist: Die Menschen haben zunehmend den Eindruck, dass Politik verwaltet, reagiert und moderiert, aber nicht mehr gestaltet.
Im Der Standard „Einserkastl“ von RAU am 22.08.2026 wurde daraus ein bemerkenswert einfacher Vorschlag abgeleitet: Die Regierung müsse vor die Bevölkerung treten, die Probleme benennen, einen klaren Plan präsentieren und diesen entschlossen verfolgen. Ehrlichkeit, Klarheit und Konsequenz statt Beschwichtigung und taktischer Kommunikation. Ein nachvollziehbarer Gedanke. Vielleicht sogar eine notwendige Voraussetzung. Aber wird das reichen? Ich glaube nicht. Menschen folgen nicht Plänen. Menschen folgen Zielen. Und ein Plan wird erst dann politisch wirksam, wenn er Ausdruck einer größeren Idee ist.
Natürlich erwarten Bürgerinnen und Bürger, dass Regierungen Probleme lösen. Sie erwarten funktionierende Schulen, leistbares Wohnen, sichere Pensionen, eine solide Wirtschaftspolitik und einen handlungsfähigen Staat. Doch politische Zustimmung entsteht nicht allein dort, wo ein Problem technisch bearbeitet wird. Sie entsteht dort, wo Menschen erkennen, welchem gemeinsamen Ziel diese Arbeit dient. Die politische Geschichte zeigt das immer wieder: Die großen Momente des demokratischen Aufbruchs entstanden selten aus der Lösung eines Problems allein. Sie entstanden aus einer Idee. Die Generation des Wiederaufbaus hatte die Idee eines freien, sicheren und prosperierenden Österreichs. Die Generation der europäischen Öffnung hatte die Idee eines Landes, das seine Zukunft nicht am Rand, sondern im Zentrum Europas sucht. Selbst große Reformprojekte gewannen ihre Kraft nie aus den Details ihrer Maßnahmen, sondern aus einer Vorstellung davon, wohin die Reise gehen sollte. Heute scheint genau diese Richtung verloren gegangen zu sein. Die politische Debatte kreist um Budgets, Teuerung, Migration, Klimaziele, Fachkräftemangel oder Verwaltungsreformen. Das sind wichtige Themen. Aber sie beantworten nicht die eigentliche Frage vieler Menschen:
Wofür strengen wir uns eigentlich an?
Ein Gemeinwesen lebt nicht nur von Institutionen, Gesetzen und Programmen. Es lebt von Sinn. Von einem gemeinsamen Verständnis dessen, was uns verbindet, was wir bewahren wollen und was wir gemeinsam erreichen können. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung der gegenwärtigen Regierungsparteien. Wenn Politik ausschließlich als Problemlösungsmaschine auftritt, wird sie zwangsläufig technokratisch. Dann werden Ministerien zu Reparaturwerkstätten, Politiker zu Krisenmanagern und Wahlkämpfe zu Wettbewerben um die beste Schadensbegrenzung. Doch Begeisterung entsteht anders. Begeisterung entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, Teil eines größeren Projekts zu sein. Wenn sie erkennen, dass ihr persönlicher Einsatz in Familie, Beruf, Verein oder Gemeinde zu etwas beiträgt, das über sie selbst hinausweist.
Österreich hätte eigentlich alle Voraussetzungen dafür. Wir verfügen über politische Stabilität, hohe Lebensqualität, eine starke demokratische Tradition und eine strategische Lage im Herzen Europas. Gleichzeitig erleben wir aber eine zunehmende Verunsicherung darüber, welche Rolle unser Land künftig spielen soll. Zwischen Globalisierung und Regionalität, zwischen europäischer Integration und nationaler Identität, zwischen wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und sozialem Zusammenhalt fehlt häufig die verbindende Erzählung. Eine solche Erzählung müsste weder pathetisch noch parteipolitisch eng sein. Sie könnte schlicht davon ausgehen, dass Österreich ein Land sein soll, das Leistung ermöglicht, Zusammenhalt sichert, Ordnung schafft und im Herzen Europas selbstbewusst Verantwortung übernimmt. Genau deshalb genügt ein Plan allein nicht.
Ein Plan beantwortet das „Wie“. Eine Gesellschaft braucht aber auch eine Antwort auf das „Warum“. Wer verhindern möchte, dass demokratische Frustration in politische Radikalisierung umschlägt, muss mehr anbieten als Verwaltungsoptimierung. Er muss Zukunftsbilder schaffen. Nicht als unrealistische Utopien, sondern als glaubwürdige Perspektiven, die den Alltag der Menschen mit einer gemeinsamen Richtung verbinden. Die Frage lautet daher nicht nur, wie die Regierung und ihre Protagonisten ihre Reformen erklärt. Die entscheidendere Frage lautet, welches Österreich sie ermöglichen möchte. Ein Österreich, das lediglich seine Probleme verwaltet? Oder ein Österreich, das den Mut hat, wieder eine Idee von sich selbst zu entwickeln: frei, leistungsfähig, sozial verbunden und europäisch handlungsfähig? Solange diese Antwort ausbleibt, werden viele Bürgerinnen und Bürger den Eindruck behalten, dass zwar intensiv gearbeitet wird, aber niemand so recht sagen kann, wohin die Reise eigentlich geht. Und genau das ist vielleicht das größte politische Risiko unserer Zeit: nicht der Mangel an Lösungen, sondern der Mangel an Richtung. Österreich braucht daher mehr als einen Plan. Es braucht wieder eine Idee davon, wofür dieser Plan steht.
Auch wenn es in Österreich gerade etwas abgekühlt hat – und damit meine ich das Wetter – habe ich seit einiger Zeit das Gefühl, dass die Welt dauerhaft brennt. Es brennen die Wälder und Wiesen und sogar die Luft scheint zu brennen. Hitzewellen an vielen Orten unseres Planeten, sogar in Kanada und bis in den Norden Italiens, bringen noch nie gemessene Höchsttemperaturen, die an der 50-Grad-Celsius-Marke schrammen. Der Verkehr und der CO2-Ausstoß nehmen überall zu. Sars-CoV-2 hat uns alle weiter im Griff und bestimmt unseren Alltag. Auch Afghanistan brennt wieder. Mit der Rückkehr der Taliban, unmittelbar nach dem Abzug der US-Truppen und ihrer Verbündeten, scheinen die Bemühungen der letzten 20 Jahre vollkommen ausgelöscht zu sein. Auch der Nahe Osten, Syrien, der Iran und ihre Nachbarländer kommen weiterhin nicht zur Ruhe. Die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten sind sich weiterhin nicht sehr einig und es fehlt an Schlagkraft, an Konzepten und an einer gemeinsamen Vision. Über die vielen afrikanischen Krisenherde und jene in Südamerika wird wenig gesprochen oder berichtet, doch auch sie haben Einfluss darauf, wie sich die Welt in Zukunft entwickelt.
Verantwortung abzuschieben und durch sinnentleerte Kommunikation zu ersetzen ist – nicht nur in Österreich – zum Programm geworden. Egoismen, Egoisten und Ich-Erzähler*innen haben sich in den Vordergrund gerückt. Dabei wird die Welt immer unsicherer und volatiler. Es fehlt vor allem in Führungskreisen an Verantwortung und Verantwortlichkeit aber auch an großen, visionären Ideen und an Kompetenz. Diesen Zustand zu überwinden bildet die Grundlage für die Überwindung der Krisen der Zeit. Und am besten beginnen wir damit rasch bei uns selbst: #AEIOU.
Bild: Stefan Onzek, Trieste 2019
Jener Mann, der, wie kein anderer in Österreich, das Verhältnis der Politik zu den Medien geprägt hat, Bruno Kreisky, schreibt im zweiten Teil seiner Autobiographie „Im Strom der Politik“ über die Politiker in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts: „Die zunehmende Unbildung unter den Spitzenpolitikern ist in erster Linie darauf zurückzuführen, daß sie an derartigen Kategorien nicht interessiert sind. Sie kalkulieren schlicht und einfach und sagen sich, Bildung ist nicht interessant genug, und eventuelle Mängel werden durch die Public Relations schon überdeckt.“
Bild: Stefan Onzek
Diversität und Resilienz ist das Motto des diesjährigen Forum Alpbach an dem auch ich wieder teilnehme. Die frische Luft im Bergdorf regt auch dazu an, sich mit den wichtigen Themen dieser Welt etwas freier und unvoreingenommener auseinanderzusetzen. Das wird auch notwendig sein. Die beiden wesentlichen Worte des Alpbach-Mottos haben es nämlich durchaus in sich, adressieren sie doch auf sehr subtile Weise die wichtigsten Fragen unserer Zeit. Das Wort Diversität bildet auch die aktuelle gesellschaftliche Bruchlinie zwischen biedermeierlichem Abschotten einerseits und dem multikulturellen „Wir schaffen das“ andererseits ab. Resilienz bezieht sich auf die Frage, ob unsere Lebenswelt gefährdet oder vielleicht doch alles nicht so schlimm und reparierbar ist.
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